Lippstädter Tageszeitung "Der Patriot" vom 03.09.2016:


Um das große Thema „Nächstenliebe – Warum wir helfen“ ging es in einem Vortrag mit Hans-Georg Büker, Landwirt aus Weckinghausen und passionierter Geschichtsforscher, in der Begegnungsstätte „Cap27“ des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF).

Büker, der im vergangenen Jahr zum 100-Jährigen des Diözesanverbandes über das Thema „Caritas“ referierte, nahm seine Zuhörer mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Christentums, in dem der Begriff der Nächstenliebe immer wieder anders gelebt und verstanden wurde. Dabei ging er in seiner Präsentation auf die Entwicklung der Kulturgeschichte, das Verständnis von „Caritas“ in der Bibel und die jeweilige Auslegung der Kirche ein. Die Nächstenliebe sei eine biblische Errungenschaft, die schon im Alten Testament fest verankert ist. Schon beim Auszug aus Ägypten durch die Wüste zum gelobten Land galt die Prämisse, Witwen, Waisen und Fremde wie Einheimische zu behandeln. Dies sollte nicht als beiläufige Almosen, sondern als ein Recht verstanden werden. „Im Neuen Testament wird das Ideal einer christlichen Gemeinschaft formuliert“, führt Büker die Geschichte vom barmherzigen Samariter an, in der Jesus für einen Bettler zahlt. „Wie oft gehen wir heute daran vorbei“, führt er stets Bezüge zur Gegenwart oder zu Werken aus der Malerei an. „Ein Einbruch war die große Völkerwanderung, bei der die schriftlich festgehaltenen Werte zerstört wurden. Die Germanen konnten nicht lesen und schreiben und so entwickelte sich eine Religion, die von Bildern und Geschichten wie dem Hl. Martin lebte.“ Aus der Angst vor der Natur erwuchs auch die Angst vorm Jüngsten Gericht. Die Bilder von Himmel und Hölle sowie im Umkehrschluss die Pflicht zur Barmherzigkeit verfestigten sich. Die sieben Werke der Barmherzigkeit wie Hungrige speisen oder Fremde beherbergen wurde den sieben Todsünden wie Hochmut, Habgier und Völlerei gegenübergestellt. Nur wer gut ist, kommt in den Himmel. Mit den Klöstern kam die Bildung. Sie befähigten die Menschen zur Selbsthilfe, doch klaffte die Schere zwischen arm und reich weit auseinander. Der Nächstenliebe wurde genüge getan, um das eigene Gewissen zu beruhigen und sich den Platz im Himmel zu sichern. Schließlich war es mit dem 15. Jahrhundert Martin Luther, der das mittelalterliche Verständnis von Nächstenliebe revolutionierte. Er sagte: „Gott ist ein Geschenk“. Das ewige Leben, Gesundheit und Liebe könne man sich nicht durch einen Zehnten erkaufen. „Mit ihm wird die Motivation zum Helfen eine komplett andere“, schlug Büker den Bogen zur Gegenwart und brach gleichzeitig eine Lanze für die caritativen Einrichtungen: „Die wahren Bedürfnisse zu erkennen und Nächstenliebe zu erfüllen bedarf einer großen Professionalität, ansonsten kann sie schnell überfordern“.  n  rio